Englisch ersetzt nicht das Lernen von Nachbarsprachen

Die LaNa erzählt gern Geschichten von Menschen, vom Schüler bis zur Seniorin, die sich den Nachbarsprachen Polnisch bzw. Tschechisch geöffnet haben und welche in die Kultur der Nachbarn eingetaucht sind. Lernen Sie heute Felix Häring und seine persönliche Geschichte zu Tschechien, sein grenzüberschreitendes Engagement und seine Sichtweisen auf die deutsch-tschechische Grenzregion kennen: 

Ahoj, mein Name ist Felix Häring und ich bin 25 Jahre alt. Nach meinem Bachelor der Westslawistik an der Uni Leipzig befinde ich mich aktuell am Ende meines Masters in European Studies (auch in Leipzig). Zuhause fühle ich mich zwischen Leipzig, meiner Heimatstadt Vilshofen an der Donau (in Niederbayern) und Prag.

Mein Werdegang zur Nachbarsprache

Aufgewachsen bin ich also in Vilshofen nahe der tschechischen Grenze. Tschechien und Bayern hatten zu dieser Zeit immer noch recht unterkühlte, historisch belastete Beziehungen, die aus meiner Sicht erst ab 2008/2010 so wirklich aufgetaut sind. Das hat man auch in meiner Schulzeit gemerkt: Es gab zwar Austauschschüler aus Tschechien, aber im Unterricht war das Land trotz der Grenznähe nie wirklich ein Thema in der Schule. Dieses unbekannte Element hat damals mein Interesse geweckt. Allerdings gab es bei mir auch familiär eine Verbindung ins Nachbarland: Meine Großmutter pflegte schon immer einen herzlichen Kontakt zu einer Künstlerin in České Budějovice.

Nach dem Abitur habe ich mich zunächst an Chemie versucht, bin nach einem Jahr aber in die Slawistik mit Tschechisch als Fremdsprache gewechselt. Dieses Studium in Leipzig kann ich wirklich nur weiterempfehlen. In dieser Zeit habe ich auch Praktika und zwei Auslandssemester in Prag absolviert und an mehreren Sprachsommerschulen teilgenommen. Mittlerweile spreche ich fließend Tschechisch und verbringe auch privat viel Zeit in Tschechien.

Mein persönliches Verhältnis zur tschechischen Sprache und Kultur ist sicherlich sehr emotional und vor allem positiv besetzt, aber ich sehe das nicht im Wettbewerb zu anderen Sprachen. Englisch ist heutzutage unverzichtbar und ich bin sehr glücklich, mein gesamtes Masterstudium in Englisch absolviert zu haben. Jedoch stören mich Denkweisen, dass Englisch das Erlernen von Nachbarsprachen ersetzt, denn in der Praxis geht in der Kommunikation viel verloren, wenn diese nur auf Englisch funktioniert. „In varietate concordia – In Vielfalt geeint“ ist der Leitspruch der EU und die Europäische Kommission betont, dass es Ziel sein sollte, dass jeder EU-Bürger neben der Muttersprache noch zwei Fremdsprachen beherrscht. JEDE weitere Sprache sehe ich als Ergänzung und Bereicherung an. Ich glaube, dass generell der Wert von Fremdsprachenbildung in Deutschland etwas unterschätzt wird.

Engagement für die deutsch-tschechische Grenzregion

Ich engagiere mich seit mehreren Jahren im Deutsch-Tschechischen Jugendforum, wo ich seit Herbst 2021 stellvertretender Vorsitzender des deutschen Trägervereins bin. Dieses Jugendforum besteht aus 30 Mitgliedern, jeweils 15 aus Deutschland und Tschechien, die zwischen 16 und 25 Jahren alt sind. Unsere Aktivitäten werden in bilateralen Arbeitsgruppen entwickelt und realisiert. In der vergangenen Amtszeit haben wir beispielsweise einen deutsch-tschechischen Podcast, eine Interviewreihe zu Menschen aus Deutschland und Tschechien, die ihren Lebensmittelpunkt in das jeweils andere Land verlagert hatten, und einen deutsch-tschechischen Wanderguide ins Leben gerufen.

Viele unserer Alumnis bleiben den deutsch-tschechischen Beziehungen treu und sind in verschiedensten Positionen in Politik, Kultur und Wirtschaft tätig. Wir sehen uns als Vernetzungspunkte zu einer Vielzahl weiterer deutsch-tschechischer Organisationen. Das wurde auch im August 2021 gewürdigt, als Vertretende den Bundespräsidenten zu einem Staatsbesuch in Tschechien begleiten durften.

Meine Sichtweise auf die Grenzregion

Ein weiterer aktueller Schwerpunkt für mich ist derzeit der Abschluss meines Masterstudiums. Auch danach möchte ich der deutsch-tschechischen Familie treu bleiben und bestmöglich auch eine positive Entwicklung unterstützen:

Im deutsch-tschechischen Grenzraum ist deutlich wahrzunehmen, dass die Kooperation auf einer starken Basis ist und ernstgenommen wird. Auch im Bildungsbereich ist das sehr wahrnehmbar! Auch wenn es eher in der Natur der Sache liegt, dass sich die Auswirkungen eher lang- als kurzfristig zeigen. Trotzdem bleibt die Anzahl der Tschechisch-Lernenden leider immer noch auf einem relativ überschaubaren Niveau und das Angebot beschränkt sich größtenteils auf die grenznahen Regionen. Es ist sehr schade, dass beispielsweise bei uns in Leipzig keine Schule Tschechisch als Fach anbietet, obwohl es für die größte Stadt Sachsens eigentlich durchaus gerechtfertigt sein dürfte.

Ein weiteres Potential sehe ich im Ausbau der Infrastruktur in den Grenzregionen, sowohl im Bereich der Digitalisierung als auch im Verkehr, vor allem abseits der Großstädte.

Ich glaube, dass jeder Akteur im deutsch-tschechischen Austausch auch in einer gewissen Weise eine Botschafterfunktion innehat. In meinem Umfeld hat mein Engagement bei einigen Leuten bewirkt, dass sie sich zum ersten Mal überhaupt bewusst mit Tschechien befasst haben und das ist für mich schon ein Erfolg. Selbst wenn ich mit meiner Begeisterung für Kofola doch eher Einzelkämpfer geblieben bin 😉

Öffnet euch für unsere Nachbarsprachen!

Die deutsch-tschechischen Beziehungen haben sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt, aber es gibt immer noch Potential nach oben. Ich persönlich würde mich freuen, wenn dies auch noch mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommt. Ich bin es gewohnt, immer noch verwunderte Nachfragen zu bekommen, warum ich mich gerade dazu entschieden habe, meinen Bildungsweg auf Tschechien auszurichten und sich für die bilateralen Verhältnisse einzusetzen. Mehr Menschen mit einer Affinität zur Kultur und Sprache Tschechiens fände ich wünschenswert.

Die frühe nachbarsprachige Heranführung ist da ein realer Einstieg für Kinder in den Grenzregionen. Das Lernen einer Sprache bedeutet auch den Auf- und Ausbau von interkulturellen Kompetenzen und die Kinder können das Nachbarland abseits von möglichen Vorurteilen kennenlernen. Für das spätere Leben bietet dieNachbarsprache auch reale Perspektiven in Bezug auf Bildung und Beruf. Selbst für die älteren Familienangehörigen kann das auch ein guter Anlass sein, sich näher mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Die LaNa dankt Felix Häring für diese lebendige und motivierende Geschichte aus der deutsch-tschechischen Grenzregion. Wir sind gespannt, was Herr Häring in den nächsten Jahren bilateral bewegen wird und wünschen ihm recht viel Erfolg und eventuell auch weitere Begeisterte für einen Kofola-Umtrunk in Tschechien 😉
Sind Sie beim Lesen dieser Geschichte neugierig geworden auf Polen oder Tschechien? Haben Sie ebenfalls eine persönliche Geschichte, die Sie mit den sächsischen Nachbarn positiv geprägt hat? Dann erzählen Sie sie 
uns gern.

One thought on “Englisch ersetzt nicht das Lernen von Nachbarsprachen”

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