35 Jahre Deutsch-Polnischer Nachbarschaftsvertrag – konkret gelebt (nicht nur) vor Ort entlang der Neiße/Nysa

Am 17. Juni vor 35 Jahren wurde der Deutsch-Polnische Nachbarschaftsvertrag unterzeichnet. Gerade im Grenzraum zeigt sich, wie wertvoll gute Nachbarschaft für das tägliche Leben der Menschen sein kann. Entlang der Neiße und Oder, wo Deutsche und Polen Tür an Tür leben, arbeiten, lernen und ihre Freizeit verbringen, ist aus einer einstigen Grenze vielerorts ein Raum der Begegnung geworden. Der Vertrag hat die Grundlage für Vertrauen, Zusammenarbeit und gemeinsame Entwicklung geschaffen. Doch was bedeutet er konkret für die Menschen im Grenzraum? Wie wird die deutsch-polnische Partnerschaft heute gelebt und welche Chancen und Herausforderungen prägen das Zusammenleben heute? Diesen Fragen widmete sich nicht nur das von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Partnerschaft mit dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland und dem Außenministerium der Republik Polen organisierte Deutsch-Polnische Forum, das am 17.06.26 in Berlin stattfand. Ganz konkret wurde darüber auch beim Deutsch-Polnischen Zukunftsstammtisch der Euroregion Spree-Neiße-Bober am 11.06. in Guben debattiert. Die LaNa war bei beiden Veranstaltungen dabei.

Sprache als Brücke

So lautete ein Panel, das KoKoPol im Rahmen des Deutsch-Polnischen Forums in Berlin organisierte. Bereits im Plenum am Vormittag war das Thema ungewöhnlich präsent. Während in Polen rund 1,9 Mio Schülerinnen und Schüler Deutsch lernen, gibt es in Deutschland nur rund 14.000 Teilnehmende am Polnisch-Unterricht, davon 6.000 Herkunftssprachlerinnen und Herkunftssprachler. So wies der Koordinator der Bundesregierung für deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit, Knut Abraham eindrücklich darauf hin, dass Polnisch lernen ebenso wie das Erlernen einer Nachbarsprache insgesamt eine Investition in die Zukunft sei und dass Deutschland hier gemeinsam mit den Bundesländern „…mehr Gas geben …“ müsse. Welche Herausforderungen in der sprachlichen Bildung in beiden Nachbarländern dabei zu bewältigen sind, dies wurde dann im Panel „Sprache“ von Expertinnen und Experten beider Länder diskutiert. Die wissenschaftliche Leiterin von KoKoPol, Magda Telus, lieferte dafür 5 Thesen:

  • 1. Die polnische Sprache ist die „große Unbekannte“ des deutschen Bildungssystems.
  • 2. Die Behauptung, Polnisch sei besonders schwer für Deutsche, ist ein Stereotyp – historisch und nachweislich seit dem 16. Jh. war Polnisch eine interessante Sprache für Deutsche.
  • 3. Die marginale Stellung des Polnischen in der Bildungslandschaft der Bundesländer ist ein historisches Ergebnis von vielen Faktoren.
  • 4. Unabhängig davon geht von der marginalen Stellung des Polnischen im deutschen Bildungssystem eine symbolische Wirkung für die Gegenwart aus: Mit der gegenwärtigen Asymmetrie in den Zahlen der Lernenden der Partnersprache ist kein deutsch-polnischer Dialog auf Augenhöhe möglich.
  • 5. Wir brauchen nicht nur eine Förderung des Polnischen als Herkunftssprache, sondern Maßnahmen zu einer stärkeren Verankerung des Polnischen als Fremdsprache im deutschen Bildungssystem.

Europa hat Zukunft

In den zurückliegenden 35 Jahren haben sich die deutsch-polnischen Beziehungen gut entwickelt. Vor allem im Grenzraum sind grenzüberschreitende Zusammenarbeit und grenzüberschreitende Verflechtungen heute gelebte Realität. Aber die Herausforderungen sind deshalb nicht geringer geworden: Demografischer Wandel und Strukturwandel treiben die Akteure dies- und jenseits von Neiße und Oder gleichermaßen um. Wie kann man die Region auf Entvölkerung und Alterung der Gesellschaft vorbereiten bzw. dieser entgegenwirken? Diese Frage diskutierten Vertretende aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft aus Brandenburg und der Woiwodschaft Lubuskie beim Deutsch-Polnischen Zukunftsstammtisch: Die präsentierten wissenschaftlichen Studien und statistischen Prognosen sprechen dabei eine deutliche Sprache: Der demografische Wandel ist nicht aufzuhalten – entscheidend ist, wie Kommunen, Länder und Europa darauf reagieren.

Klare Botschaft am Ende einer spannenden Debatte: Unsere besondere Chance besteht darin den Grenzraum als gemeinsamen Raum zu begreifen, alle Bereichen der Daseinsvorsorge – von Verkehrsinfrastruktur über Gesundheitswesen bis hin zur Bildung – stärker zu vernetzen und Synergien zu nutzen, um daraus zukunftsfähige grenzüberschreitende Konzepte für die Menschen vor Ort zu entwickeln. Hierfür braucht es mehr Kommunikation und Austausch vor allem auch auf lokaler Ebene. Und damit schließt sich der Kreis: Denn genau dafür braucht es nachbarsprachige Bildung!

Mehr erfahren?

Interessante Einblicke zu Hintergründen und Wirkungen des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrages sind in der Zeitschrift POLONUS Heft 13 (1/2026) nachzulesen – eine Lektüre, die sich lohnt.

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