Über die Tücken des Fremdsprachenerwerbs

(Autorin: Eva Rottmann)

Bild 013Ich muss zugeben, dass ich auf zwei meiner Cousins, die mit ihrem deutschen Papa und ihrer polnischen Mama in Polen leben und zweisprachig aufgewachsen sind, ziemlich neidisch bin. Sie haben völlig mühelos die zwei wirklich anspruchsvollen Sprachen Polnisch und Deutsch gelernt und sprechen diese heute beide fließend. Ich dagegen, die ich einsprachig aufgewachsen bin, kann nach einem Jahr Polnisch-Kurs an der Hochschule gerade mal wenige Sätze in besagter Sprache formulieren…

Im Rahmen meines Studiums bin ich dann auf ein Buch mit dem Titel „Wie kommt der Mensch zur Sprache?“ von einem Herrn Zimmer gestoßen. Ich war gleich nach den ersten Seiten ganz begeistert von dem Buch. Es war äußerst interessant und ließ sich für Fachliteratur erstaunlich schön lesen. Neben Informationen zum allgemeinen Ablauf des Spracherwerbs bei Kindern verliert der Autor auch einige Sätze zum Fremdsprachenerwerb. Dadurch wurde ich etwas getröstet, denn Herr Zimmer beschreibt auf Seite 50, dass es für Kinder wesentlich einfacher ist eine Fremdsprache zu erlernen. Vor allem im Vorschulalter geschieht das nahezu ohne jegliche Anstrengung. Sprachunterricht in dem Sinne ist gar nicht nötig. Das Kind muss die Fremdsprache lediglich oft genug hören und selbst anwenden können. Auch Schulkinder tun sich bis zur Pubertät noch vergleichsweise leicht mit dem Fremdsprachenerwerb. Danach wird es wesentlich schwieriger, die Grammatik muss Stück für Stück gelernt werden und eine völlig akzentfreie Aneignung ist nach der Pubertät schon nicht mehr möglich. Ich kann also beruhigt sein: meine Polnisch-Kenntnisse sind für die Zeit des Erlernens und meine Altersgruppe folglich durchaus passabel.

Daraus abzuleiten ist, dass es am einfachsten und demnach auch sehr sinnvoll ist, Kinder früh an Fremdsprachen heranzuführen. Man könnte es sich also leicht machen und sagen, dass einfach jedes Kind bereits im Kindergarten beispielsweise Englisch lernen soll. Doch leider nützt alle Leichtigkeit des Sprachen-Lernens im Kleinkindalter wenig, wenn danach nicht weiter geübt wird.

Das Problem mit dem Weiterüben besteht momentan darin, dass eben nicht alle Kinder beim Schuleintritt bereits Vorkenntnisse in der Fremd- bzw. Nachbarsprache haben. Die Lehrer/innen müssten demnach trotzdem bei null anfangen, was wiederum zur Folge hätte, dass sich die Kinder mit Vorkenntnissen langweilen. Langfristig führt diese dazu, dass die gelangweilten Kinder, die ja eigentlich bei Schulbeginn schon mehr Kenntnisse hatten als andere Kinder, hinter den Kindern ohne Vorkenntnisse zurück fallen. Nicht gerade der Effekt, den man sich wünscht.

Nicht weiter zu üben ist natürlich auch keine Option, denn wenn eine Sprache nicht verwendet wird, wird sie schlicht wieder vergessen. So bringt es auch herzlich wenig, wenn eine Fremdsprache im Kindergarten erlernt wird und dann erst in der dritten Klasse oder gar erst in weiterführenden Schulen an den Kenntnisstand angeschlossen werden soll; dieser ist bis dahin nämlich wieder nahezu bei null.

Es ist also gar nicht so einfach, wie es vielleicht zunächst scheint. Wenn die Sprache wie im Fall meiner Cousins zu Hause und nicht im Kindergarten erlernt wird, tritt oben erläuterte Problematik natürlich nicht ein. Warum ich vielleicht trotzdem gar nicht so neidisch auf meine Cousins zu sein brauche, da es da noch andere wichtige Faktoren für den Fremdsprachenerwerb gibt und welche genau das sind, werde ich in meinem nächsten Beitrag thematisieren, der im Juli erscheint.

Dieter E. Zimmer: So kommt der Mensch zur Sprache. Über Spracherwerb, Sprachentstehung, Sprache & Denken.

ISBN-10: 3453600657; ISBN-13: 978-3453600652
Details: Taschenbuch: 288 Seiten, ca. 9 Euro

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