Wie Erzählen das Lernen von (Nachbar)Sprachen unterstützt

Quelle: www.jule-richter.de
Quelle: www.jule-richter.de

Im Herbst ist in der Oberlausitz ein neues Projekt des Kulturraumes Oberlausitz-Niederschlesien gestartet. Es nennt sich ERZÄHLEN – ein Schatz für die Zukunft. Die Grundintentionen sind die Sprachförderung und die nachbarsprachige Begegnung in der mehrsprachigen Oberlausitz – die Oberlausitz ist aufgrund des Sorbischen und den Nachbarsprachen Polnisch und Tschechisch eine viersprachige Region. Im Rahmen des Projektes entstehen in Kindergärten und Grundschulen sogenannte Erzähl-Inseln, in denen Kinder regelmäßig zweisprachigen Geschichten lauschen können. Die LaNa sprach dazu mit Jule Richter und Jana Podlipná, die als deutsch-tschechisches Erzähl-Tandem im Einsatz sind.

Liebe Jule Richter, liebe Jana Podlipná, wie sind Sie eigentlich zum Erzählen gekommen?  Was ist aus Ihrer Sicht das besondere am Erzählen und was fördert es bei den zuhörenden Kindern?

Antwort J.Richter: Ich bin ausgebildete Schauspielerin und habe u.a. an einem Kinder- und Jugendtheater in Frankfurt/Main gespielt. Dort wurde ich im Rahmen des Erzählprojektes „ErzählZeit Frankfurt“ zur Erzählerin ausgebildet. Das besondere am Erzählen, v.a. dem Erzählen von Märchen, ist für mich die Tatsache, daß eine Schriftsprache „vermündlicht“ wird. (Bei uns im Deutschen wegen des nur schriftlich gebrauchten Präteritums besonders wichtig.) Gleiches geschieht auch beim Vorlesen, nur haften die Augen des Erzählers nicht am Buch. Dadurch ist er frei in seinen Mitteln und im direkten Kontakt mit dem Publikum. Es entsteht ein sehr intensiver Austausch. Denn nicht nur das Erzählen, sondern auch das Zuhören ist ein aktiver Part. (Welches Tier könnte nach Hase, Bär und Reh noch in der Geschichte auftauchen?) Durch das Freie Erzählen lernen die Kinder narrative Muster zu verinnerlichen. Es fördert außerdem Konzentration, Vorstellungskraft, Sprachkompetenz und vieles mehr.

Antwort J. Podlipná: Jsem herečka a k vypravování jsem se dostala skrze své povolání. V divadle a ve filmu také vyprávíme příběhy. Ztvárňování a vypravování příběhu je základem hereckého řemesla. Narozdíl od Jule je to pro mě premiérová zkušenost s vypravováním v tak ryzí formě. Velice mi v tom pomohla nejen Jule, ale i seminář v Bautzen se zkušenou vypravěčkou příběhů, Nicolou Hübsch[ www.nikolahuebsch.com]. Když příběh vyprávíte a nepředehráváte, ponecháváte tak větší prostor fantazii. Rozvíjení fantazie a obrazivosti u dětí je dle mého názoru velmi důležité. Co je na projetu tak výjimečné, je to, že je dvojjazyčný. A vypravování probíhá v obou jazycích současně.

Wie setzt das aktuelle Projekt diese Besonderheiten des Erzählens um?
Antwort J.Richter:
Die Kinder lernen durch das Erzählen narrative Muster kennen und dies hilft beim unserem zweisprachigen Projekt natürlich sehr. Sie wissen, nach Reh und Bär muss ein weiteres Waldtier auftauchen, auch wenn dies auf Tschechisch genannt wird. Auch die Mittel des Erzählens wie z.B. die Stimmenimitation oder Geräusche helfen beim zweisprachigen Erzählen. Die Kinder wissen, wer so schief singt, ist nicht die Spatzenmama, auch wenn sie grad auf Tschechisch singt. Und sie erkennen ein gackerndes Huhn, egal ob es das auf Deutsch oder Tschechisch tut.

Antwort J. Podlipná: V projektu Erzahlen hraje narace dominantní roli. Příběhy vypravujeme v prázdném prostoru bez množství rekvizit.Vystačíme si pouze se slovy a jejich významy. Slovo má neuvěřitelnou, až překvapivou sílu. A příběhy, ty také mají sílu a to zaručuje koncentraci dětských diváků.

Wie sieht so eine Erzähl-stunde in einer Kita mit Ihnen beiden ganz praktisch aus? Was sind die Herausfor-derungen des mehrsprachigen Erzählens und wie gelingt es die Aufmerk-samkeit der Kinder zu halten, wenn sie die jeweils andere Sprache nicht verstehen?
Antwort J.Richter:
Die Kinder betreten den „Märchenraum“ durch einen roten Vorhang, das Märchentor. Im Kreis erzählen wir

Erzählerinnen in Aktion
Foto: Theaterfestival in Litomerice © Jocelyn Yvert

gemeinsam mit den Kindern die zuletzt gehörte Geschichte nach. Dazu nehmen wir die von den Kindern gezeichneten Bilder zu Hilfe und wiederholen die Hauptwörter auf Deutsch und Tschechisch. Dann folgt das neue Märchen, dass immer mit den Worten „Es war einmal“ und „Bylo nebylo“ beginnt. Den Abschluss bildet immer das gleiche tschechisches Bewegungsspiel.
Die Herausforderung beim zweisprachigen Erzählen ist, nicht zu übersetzen, sondern am Faden des Märchens abwechselnd weiterzuspinnen. Und dabei mit den Mitteln des Erzählens (wie Gesten, Geräusche, Emotionalität) die Sprache so zu füllen, dass auch bei Unverständnis Spannung und Interesse entsteht. Fast alle Kinder lernen bereits im Verlauf der ersten Geschichte, dass sie rückwirkend den Zusammenhang verstehen werden.

Antwort J. Podlipná: Na začátek si vždy zrekapitulujeme minulou hodinu. Děti si většinou pamatují všechny detaily příběhu a poté začneme vyprávět nový příběh. Vypravování máme postavené tak, že ačkoliv vzájemně nepřekládáme, co ta druhá právě řekla, děti i přesto rozumí. Slova máme spojena s gesty, emocemi a tónem hlasu. Děti, i když daný jazyk neovládají, nám rozumí úplně všechno. Je to jako malý zázrak.

Woran messen Sie eine erfolgreiche Erzählstunde bzw. was melden Ihnen die zuhörenden Kinder und die Erzieher/-innen bzw. Lehrer/-innen zurück?
Antwort J.Richter:
Eine erfolgreiche Stunde habe ich, wenn die Kinder gespannt zuhören, wenn ich auf ihren Gesichtern meine Geschichte widergespiegelt sehe. Die zuhörenden Erzieher des aktuellen Projektes meldeten uns bereits zurück (nach 3 Erzählstunden), wieviel entspannter und aufmerksamer sie ihre Kinder wahrnehmen. Sie könnten sehen, wie die Kinder die inhaltlichen Zusammenhänge verstehen, ohne die Sprache zu verstehen.

Antwort J. Podlipná: To, jestli se dětem a vychovatelkám naše vypravování líbí vidíme již během samotného vypravování. Děti jsou, jak všichni víme, nejupřímnější a zároveň nejspravdelivější, a když na to přijde i nejbezbezskrupulóznější soudci. Musím ale říct, že jsme se zatím setkali pouze s pozitivními reakcemi. Vždy odcházíme nabité energií, kterou nám děti i vychovatelky předávají skrze smích, úsměv a potlesk.

Und zum Schluss: Kann man Sie, egal ob als Erzähl-Tandem oder Solo, auch außerhalb des Erzähl-Projektes erleben bzw. wo können sich weitere interessierte Kindertageseinrichtungen, die z.B. mit der Nachbarsprache Polnisch oder Tschechisch arbeiten, melden?

Antwort J.Richter: Ich erzähle in verschiedenen Kitas in Dresden, spiele unter dem Label einfach.theater Kinderstücke und bin Gründungsmitglied von ERZÄHLRAUM e.V., der sich in Sachsen für das Erzählen stark macht. Jana und mich gemeinsam kann man in einem 45-minütigen, zweisprachigen Märchenprogramm sehen, zuletzt traten wir damit beim dt./tsch. Theaterfestival CARGO THEATRE auf. Dieses Programm ist über mich buchbar. An einem Langzeit-Projekt interessierte Einrichtungen sollten sich an Herrn Großmann vom Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien wenden.

Antwort J. Podlipná: V divadle Gerharta Hauptmanna v Zittau účinkuji v trojjazyčném (cz pl de) představení Berggeist, které hrajeme ve školkách v Zittau a okolí. Zároveň účinkuji s Jule ve 45 minutovém vypravovacím pohádkovém programu, který jsme uvedli na festivalu česko německého divadla CARGO THEATRE.

Die LaNa bedankt sich bei Jule Richter und Jana Podlipna für die Einblicke in ihre Arbeit als Erzählerinnen und wünscht allseits neugierige Zuhörer, die sich von fantastisch erzählten Geschichten fesseln lassen. Mehr Informationen zum Erzählprojekt des Kulturraumes Oberlausitz-Niederschlesien erfahren Sie unter: www.kulturweiser-ol.de.

 

 

 

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