Bachelorandin befasst sich mit Tschechisch im Kindergarten

(Autorin: Julia Švarc, julia.svarc@gmail.com)

Ich bin in einer kleinen Grenzstadt im Landkreis Görlitz aufgewachsen, wo ich auch meinen tschechischen Ehemann kennenlernte. Durch die Hochzeit wurde meine Familie um seine große tschechische Familie erweitert. Unseren Sohn haben wir von Anfang an zweisprachig erzogen. Mit reichlich drei Jahren wird er im Dezember von einem deutschen Kindergarten in einen tschechischen wechseln, weil sein Tschechisch in deutschen Kindergärten in unserer Nähe nicht ausreichend gefördert werden kann. Den tschechischen Kindergarten besuchen auch andere deutsche Kinder.

Die Kindergartenleiterin steht der Zweisprachigkeit positiv gegenüber und freut sich, ihre guten Deutschkenntnisse anwenden zu können. Aufgrund meiner persönlichen Situation würde ich mir mehr Tschechischlernangebote in deutschen Kindergärten wünschen. Doch selbst in Grenzregionen wachsen nur wenige Kinder, meist familiär bedingt, mit Deutsch und Tschechisch auf. Es stellt sich also die Frage, ob Tschechischangebote auch für einsprachige deutsche Kinder schon im Kindergarten geeignet und sinnvoll sind.

Dieser Frage bin ich in meiner Bachelorarbeit „Tschechisch im Kindergarten“, die den Abschluss meines Studiums „Übersetzen Englisch/Tschechisch“ an der Hochschule Zittau/Görlitz darstellt, nachgegangen. Zunächst habe ich ausführlich Argumente für und gegen einen Fremdsprachenbeginn im Kindergarten zusammengetragen. Anschließend wurde anhand von verschiedenen Kriterien untersucht, welche Sprachen als erste Fremdsprache grundsätzlich in Frage kommen. Dabei wurde unter anderem auf die außergewöhnliche Rolle des Englischen als Weltsprache und auf die besonderen Vorteile von Nachbarsprachen eingegangen. Danach wurden Argumente, die speziell für und gegen das Erlernen der Nachbarsprache Tschechisch im Kindergarten sprechen, gegenübergestellt. Den Abschluss bildet ein praktisch angelegter Teil mit einer Handreichung, der dazu dienen soll, Eltern für die Heranführung an Tschechisch im Kindergarten zu sensibilisieren. Denn nur, wenn auch die Eltern im frühen Tschechischerwerb Vorteile für ihre Kinder sehen, werden Kindergärten Angebote schaffen.

In der Arbeit wurde herausgearbeitet, dass deutlich mehr für als gegen ein Fremdsprachenlernen im Kindergarten spricht. Häufig fällt dabei die Wahl auf das Englische. Es herrscht jedoch Einigkeit darüber, dass Englisch als Fremdsprache allein nicht ausreicht. Das Erlernen einer Nachbarsprache eignet sich in den Grenzregionen durch die geografische Nähe besonders, da sich der authentische Kontakt zu den Menschen, insbesondere in ihrem Status als Muttersprachler und als Vertreter ihrer Kultur, weitaus einfacher gestaltet. Dies wiederum hat weitere positive Auswirkungen auf den Lernprozess und die Entwicklung von Eigenschaften wie Toleranz und Empathie. Darüber hinaus entstehen durch die Nähe zum Nachbarland Chancen für Ausbildung und Beruf. In deutsch-tschechischen Grenzregionen bietet sich Tschechisch schon durch den Status der Nachbarsprache als Fremdsprache an. Durch die Tatsache, dass die Tschechische Republik ein wichtiger Handelspartner Deutschlands ist, und Tschechisch von Deutschen trotzdem selten gelernt wird, kann die Nachbarsprache außerdem als Herausstellungsmerkmal dienen und dadurch weitere berufliche Möglichkeiten eröffnen.

Die tschechische Sprache ist gerade als früh zu erlernende Zweitsprache geeignet, da sie sich vom Deutschen besonders in solchen Merkmalen stark unterscheidet, die aus neurologischer Sicht zum einen den positiven Lerneffekt verstärken und zum anderen in einem frühen Alter wesentlich leichter und tendenziell auch erfolgreicher angeeignet werden. Durch die Zugehörigkeit des Tschechischen zur slawischen Sprachfamilie können andere slawische Sprachen, wie zum Beispiel das Russische, später leichter erschlossen werden. Das Tschechischlernen ist also gerade zu einem so frühen Zeitpunkt wie im Kindergarten für einsprachige deutsche Kinder sehr sinnvoll.

Die gesamte Bachelorarbeit wird voraussichtlich ab Dezember 2015 in der Bibliothek der Hochschule Zittau/Görlitz zur Verfügung stehen.

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