Blick zum Nachbarn: Šprechtíme

sprechtime_jpg logoIm Tschechischen gibt es in der Umgangssprache ein eigenes Wort für Deutsch lernen: „šprechtit“. Doch welche Rolle spielt Deutschlernen in unserem Nachbarland? Die Sächsische Landesstelle für frühe nachbarsprachige Bildung (LaNa) hat über die Grenze geschaut, um die Kampagne „Šprechtíme“  näher kennenzulernen, bei dem der Deutscherwerb im Vordergrund steht. Ins Leben gerufen wurde diese Initiative von der Deutschen und der Österreichischen Botschaft zusammen mit den Kulturinstitutionen beider Länder sowie der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer, dem österreichischen Außenwirtschaftscenter, der Zentralstelle für Auslandsschulwesen und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst.

Die LaNa sprach mit Herrn Thomas Motak, Leiter des Kulturreferats an der Deutschen Botschaft in Prag, über Ziele, Aufgaben und Hintergründe von „Šprechtíme“.

LaNa: Warum wurde die Kampagne „Šprechtíme“ initiiert? Welche Ziele verfolgt sie und wen wollen Sie damit erreichen?
Herr Motak: Die Tschechische Republik und die deutschsprachigen Länder im Herzen Europas kennzeichnet eine enge Verflechtung im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich. So sind in der Tschechischen Republik rund 8.000 Firmen mit deutscher oder österreichischer Beteiligung tätig, die über 100.000 Menschen beschäftigen. Trotz dieser sehr engen Beziehungen verzeichnet die Tschechische Republik seit Mitte der 90er Jahre einen steten Abwärtstrend in den Deutschlernerzahlen. 2014 lernten ca. 316.000 Schüler Deutsch als erste oder zweite Fremdsprache. 1995 waren es noch doppelt so viele. Um diesem Trend entgegenzuwirken haben die von Ihnen bereits erwähnten Institutionen im September 2011 eine in dieser Art weltweit einzigartige Kampagne zur Förderung der Erlernens der deutschen Sprache unter dem Namen „Šprechtíme“ gestartet. Ziel des Projekts „Šprechtíme“ ist es, unter den Schülerinnen und Schülern, aber auch bei den Eltern für die deutsche Sprache zu werben. Dabei wird auf die Vorteile hingewiesen, die das Erlernen der deutschen Sprache und Deutschkenntnisse mit sich bringt. Zu den Vorteilen gehören zum Beispiel bessere Chancen auf dem tschechischen Arbeitsmarkt und größere Karrierechancen in einem in Tschechien tätigen Unternehmen mit deutscher oder österreichischer Kapitalbeteiligung. Einer Umfrage der Deutsch-Tschechischen IHK nach bewerten 75% der Mitgliedsunternehmen Deutsch als sehr wichtig und 90% der Unternehmen suchen Arbeitskräfte mit Deutschkenntnissen. Deutsch ist aber nicht nur nützlich für den Beruf, sondern öffnet auch Türen zu den Nachbarn, was gerade in den Grenzregionen der Tschechischen Republik von großer Bedeutung ist.

LaNa: Die Kampagne läuft seit dem Jahr 2011. Zeichnen sich bereits Erfolge ab? Wie wird „Šprechtíme“ angenommen?
Herr Motak: Die Kampagne hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt und zeigt bereits erste Früchte. Erstmalig seit 20 Jahren konnten wir im vergangenen Jahr einen signifikanten Anstieg der Neuanmeldungen in den Grundschulen um über 30.000 verzeichnen. Zudem stößt die Kampagne nicht nur bei den deutschen und österreichischen, sondern vor allem auch bei den tschechischen Partnern auf großen Anklang und Unterstützung. Das Interesse und die Unterstützungsbereitschaft unserer Partner, wie auch die Trendwende nach 20 Jahren rückläufiger Zahlen gibt uns Hoffnung, dass sich diese positive Entwicklung auch in den kommenden Jahren verstetigt und die Zahl der Deutschlerner weiter zunimmt. Erste sichtbare Erfolge sind jedenfalls nicht von der Hand zu weisen.

LaNa: Auf welchen Wegen versuchen Sie die Menschen zu erreichen, um Sie von den Chancen und Potenzialen des Deutsch-Lernens zu überzeugen?
Herr Motak: Seit Beginn sind Radiospots, Werbeplakate und eine Webseite www.sprechtime.cz entstanden. Im Moment wird intensiv an der Fertigstellung einer Informationsbroschüre über das vielfältige, landesweite Deutschangebot gearbeitet. Gleichzeitig bereiten wir derzeit auch eine internetbasierte Datenbank vor, deren Ziel es ist, über die diversen zielgruppengerechten Sprachlernangebote zu informieren und diese Informationen auch landesweit zugängig zu machen. Hier sind Informationen abrufbar, an welchen Sprachinstituten neben staatlichen und privaten Schulen und Universitäten Deutsch gelernt werden kann, wo Deutschzertifikate erworben werden können und wo Deutschlehrer sich weiterbilden lassen können. Auch gibt es Wissenswertes über den Jugendaustausch, Stipendienmöglichkeiten,  und wo Deutsch in der Tschechischen Republik aktiv angewandt werden kann. Jedes Jahr finden in diversen Städten zudem öffentliche Aktionstage mit vielfältigem Programm in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut statt, die nicht nur eine breite Öffentlichkeit, sondern auch lokale Schulleiter und Deutschlehrer ansprechen.

LaNa: Welche Rolle spielt im Rahmen Ihrer Initiative die frühe Mehrsprachenbildung? Arbeiten Sie mit Kindergärten zusammen, die sich der frühen Nachbarsprachbildung, also die Heranführung an Deutsch, widmen?
Herr Motak: Mit dem Erlernen einer anderen Sprache kann nie früh genug begonnen werden. Wie sagt ein Sprichwort so schön: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ In diesem Jahr haben wir gemeinsam mit dem Goethe Institut, der Stadtbibliothek in Liberec und in Zusammenarbeit mit Trilingo e.V. auch eine Podiumsdiskussion zu „Deutsch im Kindergarten“ veranstaltet, um auch über das wichtige Thema der frühkindlichen Spracherziehung anzusprechen. Zu keinem anderen Zeitpunkt im Leben als in der frühen Kindheit fällt es einfacher, eine Sprache zu lernen. Die Sensibilisierung in diesem Alter bildet den Grundstein für weitere sprachliche Bildung. Durch die tägliche Kommunikation unter den Kindern bedeutet hier Deutsch lernen nicht, grammatikalische Regeln und Vokabeln zu pauken. Fast natürlich kann sich in diesem Alter die Sprache in die Lebenswelt der Kinder einfügen. Das Erlernen einer neuen Sprache und das Kennenlernen einer anderen Kultur und Lebenswelt bedeuten für ein Kind aber auch, in Zukunft Neuem und Unbekanntem mit Neugierde, anstatt mit Angst und Unbehagen zu begegnen. Es ist vielleicht das größte Geschenk, das man einem jungen Menschen auf seinen Lebensweg mitgeben kann. So werden im Rahmen der Sprechtime-Kampagne punktuelle Maßnahmen der Zusammenarbeit mit Kindergärten sowie in dem Bereich tätiger Organisationen wie beispielsweise Tandem unterstützt. Man kann mit dem Erlernen einer Fremdsprache nicht früh genug anfangen.

LaNa: Mit Blick auf die Grenzregion: Wo sehen Sie Gründe für einen Nachbarspracherwerb? Etwas provokant formuliert: Reicht es nicht aus, wenn alle Englisch lernen und sich so verständigen können?
Herr Motak: In der Tat soll es einige geben, die meinen, eine Fremdsprache zu können, nämlich Englisch als „Lingua Franca“, reiche aus. Deutsche und Tschechien blicken auf eine lange Nachbarschaft zurück. Die heutigen Beziehungen sind so intensiv, wie nie zuvor. Da scheint es ein wenig seltsam, wenn man auf die englische Sprache zurückgreifen muss, um miteinander zu kommunizieren. Esperanto-Englisch ist zwar praktisch, aber Nuancen gehen darin verloren. Und in einer Nachbarschaft zählen auch die Nuancen. Durch diese Sprachkampagne hoffen wir, dass mehr Menschen gerade in der Grenzregion über die deutsche Sprache miteinander Brücken schlagen, sich gegenseitig bereichern, besser verstehen und die grenzüberschreitende Kommunikation dadurch erleichtert wird. So werden auch Freundschaften mit dem Nachbarn jenseits der Grenze schneller und einfacher geschlossen. Mithin geht es auch nicht um die Frage Englisch oder Deutsch. Es muss vielmehr heißen: Englisch und Deutsch. In der zunehmend globalisierten Welt, in der die englische Sprache eine zentrale Rolle als Kommunikationsinstrument spielt, ist Englisch ein Muss und Deutsch gerade im bilateralen Verhältnis zwischen Deutschland und Tschechien ein wichtiges Plus!

Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben!

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