Welche Kompetenzen brauchen pädagogische Fachkräfte für den Einsatz in bilingualen (zweisprachigen) Kitas?

Prof. Dr. Kristin Kersten von der Universität Hildesheim und Prof. Dr. Andreas Rohde von der Universität Köln beantworten auf Nachfrage des Vereines „Frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen (fmks)“ die Frage, ob pädagogische Fachkräfte für die Zweitsprache (L2) in bilingualen Einrichtungen zwingend Muttersprachler/innen (in Englisch „native speakers“) sein müssen, oder ob es auch Fachkräfte mit muttersprachlicher Kompetenz (in Englisch „near native speakers“) sein können.
Lesen Sie nachfolgend diese interessante Stellungnahme, veröffentlicht auf www.fmks.eu:

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es kein „richtig oder falsch“. Die Entscheidung hängt immer vom Ziel der Einrichtung ab (Sprachbegegnung, interkulturelle Begegnung oder bestmögliches Sprachenlernen?) und von den pragmatischen Umsetzungsmöglichkeiten. Die Kinder werden das sprachliche Modell übernehmen, das ihnen angeboten wird.

Neben der Frage nach der Sprachkompetenz gibt es noch diverse andere Faktoren, die einen großen Einfluss auf den L2 Erwerb der Kinder haben, und oft werden diese miteinander vermischt: Eine L2-Muttersprachlerin, die nur 2 Stunden am Tag da ist, oder die einen Schlüssel von 1/90 Kindern in einem offenen Konzept hat, wird deutlich weniger sprachlichen Input an die Kinder weitergeben können als ein/e near-native Erzieher/in in einer kleinen Gruppe den ganzen Tag (Faktor der Intensität).

Eine sprachpädagogisch ausgebildete near-native L2-Kraft wird die Kinder möglicherweise besser erreichen können als ein/e native speaker Erzieher/in mit akademischer Sprache, die oder der kaum Saffolding-Techniken (Scaffolding-Techniken sind unterstützende Techniken, die den sprachlichen Input verständlich machen, zum Beispiel durch Veranschaulichungen jeder Art wie Gestik, Mimik, vielfältigen Input und das Vormachen und Zeigen an den konkreten Gegenständen) benutzt, um sich verständlich zu machen (Faktor des bilingualen Trainings).

Auch die Kenntnis der gewünschten Pädagogik-Konzeptionen ist ein wichtiger Faktor, mit denen deutsche Erzieher/innen wie L2-Muttersprachler/innen gut vertraut sein müssen.

  1. Wenn interkulturelle Kompetenzen bei einer Einrichtung (mit) im Vordergrund stehen, sind native speakers authentischer in der Vermittlung als near-natives.
  2. Wenn es vor allem um möglichst gutes Sprachenlernen geht, sollte man darauf achten, dass:
  • bei Nicht-Muttersprachler/innen eine sehr hohe Sprachkompetenz vorhanden ist und von kompetenter Stelle zertifiziert wird und zwar in Bezug auf Wortschatz, Grammatik UND Aussprache (mindestens C1, besser C2 nach dem Referenzrahmen; am besten sollte die Sprachkompetenz zusätzlich in Gesprächen in der Zweitsprache überprüft werden).
  • sich diese Sprachkompetenz auch auf die Kita-Domäne bezieht (Erfahrungen im natürlichen L2-sprachlichen Umgang mit Kindern, Sprachspiele, Reime typisch für die L2,etc.). Sollte das nicht vorhanden sein, empfiehlt sich zum Bespiel ein raktikum im Ausland.
  • bei allen Erzieher/innen frühpädagogische Kenntnisse sowie Fortbildungen in Bezug auf den situationsbezogenen und kontextualisierenden Einsatz der Fremdsprache vorliegen.
  • möglichst intensive Präsenzzeiten der L2-Kräfte möglich sind.
  • möglichst kleine Gruppengrößen pro L2-Kraft möglich sind.
  • eigenverantwortliche Bereiche für die L2-Kraft gegeben sind (Vermeidung von Übersetzungssituationen).
  • die ausschließliche Verwendung der L2 auch und gerade in emotional geladenen Situationen sichergestellt ist. Dafür müssen sich near-natives in der KiTa-Domaine gut zurecht finden und sich auch im emotionalen/affektiven Bereich der Zweitsprache wohl fühlen. Dann können sie den Kindern ein authentisches Sprachmodell gerade in solchen Situationen sein, in denen spontan sprachlich angemessen reagiert werden muss. Dies ist nicht trivial, wie wir in einigen KiTas gesehen haben, da auch sehr kompetente nearnative Sprecher/innen in emotional aufgeladenen Situationen leicht in ihre Erstsprache (L1) zurückfallen.

Letzteres gilt ausschließlich nur für die Erzieher/innen. Die Kinder sollten sich der Sprache bedienen dürfen, die sie wählen. Ganz fatal wäre es im Sinne eines mehrsprachigen Ansatzes, ihnen ihre eigene Sprache zu „verbieten“. Es geht vielmehr darum, Sprachenvielfalt grundsätzlich zu würdigen und als Ressource zu betrachten, auch und gerade die Minderheitensprachen der Kinder. Hier liegt die Verantwortung bei den Erzieher/innen, alles Gesagte in die L2 zu übertragen (recasts) und die Kinder zu ermuntern und zu befähigen, sich auch in der L2 auszudrücken. Und wenn sie die Sprache der Kinder nicht verstehen, dann ist dies ein Anlass mehr, mit ihnen zusammen die Bedeutung auf verschiedenen Wegen auszuhandeln (negotiation of meaning). Gerade diese authentischen gemeinsamen Sprachanlässe haben sich in der Forschung als besonders förderlich erwiesen.

Fazit:
Es spricht nichts dagegen, wenn jemand, der verlässlich als „near-native“ bezeichnet werden kann, also die Zweitsprache (L2) auf muttersprachlichem Niveau beherrscht, als KiTa-Kraft arbeitet.
Neben der Sprachkompetenz sind weitere Faktoren wichtig.

Für Rückfragen:
Prof. Dr. Kristin Kersten
Institut für englische Sprache und Literatur
Universität Hildesheim
kristin.kersten@uni-hildesheim.de

Prof. Dr. Andreas Rohde
Englisches Seminar II
Philosophische Fakultät der Universität zu Köln
andreas.rohde@uni-koeln.de

Diese Stellungnahme wurde bereit gestellt von:

fmks e.V. Frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen, 24106 Kiel, fmks@fmks.eu, www.fmks.eu

Der fmks setzt sich für alle Aspekte des frühen Fremdsprachenerwerbs und der Mehrsprachigkeit ein. Er bietet Beratungen, Fortbildungen, Austausch und Informationen an und verbindet dabei Forschung und Praxis.

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