{"id":846,"date":"2015-10-19T09:04:17","date_gmt":"2015-10-19T07:04:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachbarsprachen-sachsen.eu\/blog\/?p=846"},"modified":"2020-01-28T09:50:48","modified_gmt":"2020-01-28T08:50:48","slug":"wo-witaj-und-2plus-fruechte-tragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachbarsprachen-sachsen.eu\/lana\/blog\/allgemein\/wo-witaj-und-2plus-fruechte-tragen.html","title":{"rendered":"Wo Witaj und 2plus Fr\u00fcchte tragen"},"content":{"rendered":"<p>Eine zweite Sprache von Muttersprachler\/innen zu lernen, ist ein effektiver und empfohlener Weg f\u00fcr den Fremdsprachenerwerb. Dabei gilt die Immersionsmethode als die erfolgreichste Lehr- und Lernmethode. Auf diesem Weg lernen bereits in einigen Kitas der s\u00e4chsischen Grenzregionen Kinder Polnisch und Tschechisch. Vor allem aber auch in sorbischen Einrichtungen wird mittels Immersion Sprache vermittelt, wie der folgende Beitrag von Andreas Kirschke zeigt.<!--more--><\/p>\n<p><em>(Autor: Andreas Kirschke f\u00fcr Serbske Nowiny und SZ-Niesky)<\/em><\/p>\n<p>Maria P\u00f6tschke aus Halbendorf lernt seit fr\u00fcher Kindheit durchweg sorbisch \u2013 f\u00fcr ein Jahr auch als FSJlerin im Ralbitzer Kindergarten Ralbitz \/ Ralbicy. Hanna, Lena, Veronika und Linus in der Ralbitzer Kindertagesst\u00e4tte Dr. Jurij M\u0142ynk in Tr\u00e4gerschaft des Sorbischen Schulvereins spitzen die Ohren. \u201eM\u00f3\u017eemy so hrajka\u0107\u201c (Wir k\u00f6nnen spielen) muntert Maria P\u00f6tschke die Kinder auf. Flie\u00dfend redet die 21j\u00e4hrige aus Halbendorf (Kirchspiel Schleife) mit ihnen sorbisch. Sie spielt, singt und bastelt gern mit den Kindern. Soeben endete in Ralbitz im August ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Vielseitige Aufgaben liegen hinter ihr. Seit fr\u00fcher Kindheit an lernt die junge Frau durchweg sorbisch.<\/p>\n<p>\u201eIch habe Maria in den vergangenen drei Monaten erlebt. Mir fiel sofort auf, wie gut sie die Sprache spricht\u201c, wertsch\u00e4tzt Ursula Burkhardt, amtierende Leiterin der Kita Ralbitz, Maria P\u00f6tschkes ruhigen, ausgeglichenen Charakter. \u201eDank ihr reflektieren wir uns selbstkritisch. Wir fragen uns: wie korrekt sprechen wir Muttersprachler im Alltag sorbisch? Wo sind wir nachl\u00e4ssig?\u201c Die FSJlerin motiviert und ermutigt die Muttersprachlerinnen zu mehr Sorgfalt. Zugleich lernt sie selbst von und mit ihnen. W\u00e4hrend des Freiwilligen Sozialen Jahres durfte sie in Laske bei Familie Johannes und Gabriele Mickel wohnen. So tauchte sie auch privat au\u00dferhalb der Arbeit in den sorbischen Alltag ein. Im Kindergarten selbst betreute Erzieherin Kerstin Mau die 21j\u00e4hrige Maria P\u00f6tschke als Mentorin. Vielseitig in allen Gruppen kam die FSJlerin zum Einsatz. Sie half aus in der Mittagszeit. Sie betreute die J\u00fcngsten in der Krippe. Sie half im Wirtschaftsbereich beim Abwaschen. Und sie lernte zugleich die Verwaltung der Kita kennen. Unter anderem organisierte sie auch die Essen-Versorgung mit. \u201eWir haben Maria viel Verantwortung gegeben\u201c, sagt Ursula Burkhardt. \u201eDas hat gut geklappt. Maria geht pers\u00f6nlich gereift aus diesem Jahr heraus.\u201c Der Schulverein begleitet sie seit ihrer Kindheit. 1999 \u00fcbernahm er die Tr\u00e4gerschaft f\u00fcr den Witaj-Kindergarten Milenka in Rohne. Maria P\u00f6tschke geh\u00f6rte zu den ersten Kindern, die dort spielerisch, ohne Anstrengung Sorbisch nach Methode der Immersion erwarben. Sie \u201etauchte\u201c Tag f\u00fcr Tag in den sorbischen Alltag ein. \u201eWir haben viel gesungen. Unsere Erzieherinnen legten viel Wert auf die Pflege der Traditionen, Br\u00e4uche und Trachten\u201c, erz\u00e4hlt die 21j\u00e4hrige. Auf dem Dachboden ihrer Gro\u00dfmutter Emma Br\u00fcnsch in Rohne entdeckte sie eine alte Trachtensch\u00fcrze. \u201eOma gab sie mir gern\u201c, sagt Maria P\u00f6tschke. \u201eIch will die Sch\u00fcrze jetzt umn\u00e4hen lassen und eines Tages tragen.\u201c<\/p>\n<p>Nach dem Witaj-Kindergarten Milenka Rohne lernte Maria P\u00f6tschke konsequent sorbisch weiter. Im Schuljahr 2001 \/ 2002 geh\u00f6rte sie zur ersten Klasse in der Grundschule Schleife, die nach Konzept 2plus Sorbisch erwarb. \u201eDie Anf\u00e4nge waren schwierig. F\u00fcr uns alle war es Neuland. Auf Wunsch der Eltern f\u00fchrten wir das Konzept damals ein\u201c, schildert Sorbisch-Lehrerin Silvia Seitz. Mit acht Sch\u00fclern begann sie. Sechs Kinder kamen aus dem Rohner Witaj-Kindergarten Milenka, ein Kind kam aus Gro\u00df D\u00fcben und eines aus dem Schleifer Kindergarten. Maria P\u00f6tschke geh\u00f6rte mit dazu. In der Mittelschule Schleife lernte sie daraufhin weiter sorbisch. Anfang der 8. Klasse wechselte sie ans Sorbische Gymnasium Bautzen. Sie war dort die erste 2plus-Sch\u00fclerin aus Schleife. \u201eDer Anfang war schwierig. Ich kannte niemanden. Manchmal hatte ich Heimweh\u201c, erz\u00e4hlt sie von der Zeit im Internat. \u201eAb der 10. Klasse wurde es dann besser. Jetzt wohnten auch einige aus meiner Gymnasialklasse die ganze Woche \u00fcber im Internat.\u201c Manchmal luden die muttersprachlichen Mitsch\u00fcler Maria nach Hause zum Geburtstag ein. Sie staunten \u00fcber deren Reichtum an Schleifer Sprache, Trachten und Kultur. Das war ihnen so nicht bekannt. In der 12.\u00a0 Klasse \u00fcbernahm Maria wie ihre Mitsch\u00fcler die Patenschaft f\u00fcr die 5. Klasse im Gymnasium. Sie war Ansprechpartner in verschiedenen Fragen. Zus\u00e4tzlich \u00fcbernahm sie die Patenschaft f\u00fcr nachkommende weitere Sch\u00fcler aus Schleife. Sie half ihnen oft bei den Hausaufgaben. 2013 legte sie am Gymnasium ihr Abitur ab. \u201eSorbisch m\u00fcndliche Pr\u00fcfung bestand ich mit 1\u201c, sagt sie stolz. \u201eDas war meine wichtigste Pr\u00fcfung. Ich hatte Gl\u00fcck und zog direkt ein Thema zum Schleifer Kirchspiel und zu den Folgen der Braunkohle-F\u00f6rderung.\u201c Maria P\u00f6tschke meisterte die Aufgaben souver\u00e4n. An der Universit\u00e4t Leipzig begann sie ihr Studium Lehramt Mittelschule f\u00fcr Evangelische Religion und Sorbisch. Nach einiger Zeit brach sie ab. Sie suchte nach Orientierung und Neubeginn. Ein Freiwilliges Soziales Jahr wollte sie absolvieren. In vier Dresdner Kinder-g\u00e4rten fragte sie nach. \u201eRettungsanker war der Sorbische Schulverein\u201c, sagt sie dankbar. Dieser erm\u00f6glichte \u2013 in Absprache mit den Erziehe-rinnen und Eltern \u2013 ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ralbitzer Kindergarten Dr. Jurij M\u0142ynk. \u201eNat\u00fcrlich war es ein gewisses Risiko. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt. Doch die Eltern haben Marias sprachliche Qualit\u00e4ten bald honoriert und akzeptiert\u201c, sagt Ludmila Budarjowa, Vorsitzende des Sorbischen Schulvereins und unterstreicht: \u201eDie Laufbahn der einzelnen Witaj-Kinder ist uns wichtig. Wir st\u00e4rken sie in ihrer Selbstfindung und Identit\u00e4tsfindung. Maria war f\u00fcr den Ralbitzer Kindergarten ein Gl\u00fccksfall. Bei ihr tragen Witaj und 2plus langfristig Fr\u00fcchte.\u201c<\/p>\n<p>Statt nur wesentlicher Vokabeln und kurzer S\u00e4tze kann Maria P\u00f6tschke sich heute souver\u00e4n sorbisch mit Muttersprachlern unterhalten. Sie ist beweglich und kreativ in der Sprache. Sie redet sicher und flie\u00dfend sorbisch. Dank der Zeit in Laske und Ralbitz wuchs ihr Stolz auf die eigenen sorbischen Wurzeln mitten im Schleifer Kirchspiel. \u201eJetzt will ich wieder nach Hause\u201c, unterstreicht sie. F\u00fcr drei Jahre lernt sie nun Erzieherin im Oberstufenzentrum Cottbus. Ihre Praxis-Einrichtung f\u00fcr drei Tage pro Woche ist der Witaj-Kindergarten Milenka Rohne, der jetzt in Tr\u00e4gerschaft der Gemeinde Schleife ist. Dort w\u00fcrde sie gern eines Tages all ihr Gelerntes an die Kinder weitergeben und Tag f\u00fcr Tag neu hinzulernen. \u201eMaria bringt die sprachliche Sicherheit aus der Praxis mit\u201c, ermutigt sie Ludmila Budarjowa daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Nach wie vor liest Maria tagt\u00e4glich Sorbisch. Sie nimmt Zeitungen wie Serbske Nowiny und Nowy Casnik sowie die Zeitschrift Serbska \u0160ula (Sorbische Schule) zur Hand. Auch mit Freunden aus ihrer Schulzeit am Gymnasium h\u00e4lt sie Kontakt. \u201eVor kurzem erst traf ich eine Freundin (sie ist sorbische Muttersprachlerin) beim Folklorefestival in Crostwitz wie-der\u201c, schildert die 21j\u00e4hrige. \u201eSie war erstaunt, wie flie\u00dfend ich heute sorbisch spreche und meinte: \u00b4Mensch, Maria. Das ist ja wunderbar.\u00b4\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine zweite Sprache von Muttersprachler\/innen zu lernen, ist ein effektiver und empfohlener Weg f\u00fcr den Fremdsprachenerwerb. Dabei gilt die Immersionsmethode als die erfolgreichste Lehr- und Lernmethode. Auf diesem Weg lernen bereits in einigen Kitas der s\u00e4chsischen Grenzregionen Kinder Polnisch und Tschechisch. 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